Boreout: Wenn Langeweile im Beruf krank macht

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Dieser Beitrag zum Thema Boreout ist ursprünglich als Fachartikel in der Zeitschrift “Gesunde Medizin” erschienen. Zum In-Ruhe-Lesen oder als Gedächtnisstütze kannst Du den Artikel als PDF herunterladen und ausdrucken. Ich wünsche Dir viel Freude beim Lesen und Erfolg bei der Umsetzung!

 

Boreout: Wenn Langeweile im Beruf krank macht

Stress und Burnout sind längst zum Inbegriff unserer westlichen Leistungsgesellschaft geworden. Kaum einer scheint heutzutage nicht von Hektik und Zeitdruck geplagt zu sein. Doch es gibt auch eine andere Seite – oft im Verborgenen, aber dafür mehr als genug davon: Menschen, die sich in Ihrem Job unterfordert und gelangweilt fühlen.

Michael ist mit seiner Arbeitsstelle sehr unzufrieden. Nach seinem Studium hat er eine verantwortungsvolle Stelle im Marketing eines mittelständischen Unternehmens erhalten. Eigentlich sollte er sogar irgendwann die Abteilung eigenständig leiten. Seit über 2 Jahren ist er dort inzwischen beschäftigt. Doch die beim Einstellungsgesprächs in Aussicht gestellten, alleinverantwortlichen Aufgaben, wurden ihm noch immer nicht übertragen.

Er ist direkt der Geschäftsführung unterstellt und obwohl er seine Unterforderung dort mehrfach angesprochen hat, verbessert sich seine Lage nicht. Bei allem möchte sein Vorgesetzter nach wie vor mitmischen, obwohl er mit Michael´s Leistungen sehr zufrieden ist und nichts auszusetzen hat. Trotzdem ist sein Chef der Meinung, dass ohne ihn nichts läuft und die Mitarbeiter ohne seine Hilfe die Ergebnisse nicht zu seiner Zufriedenheit erzielen können. Es fällt ihm schwer, loszulassen und einzelne Bereiche an Michael zu übergeben. Anderen Kollegen geht es ähnlich.

Man kann sich viel leichter krank faulenzen
als krank arbeiten.

-Peter Rosegger

 

Die Folge: Die Arbeitsmotivation von Michael ist inzwischen rapide gesunken. Auch sieht er keinen Sinn mehr, in irgendeiner Form Eigeninitiative zu leisten. Eigenen Ideen wurden mit den Sätzen „zu teuer“, „unrealistisch“, „passt nicht zu uns“ oder „haben wir noch nie so gemacht“ abgewehrt.  Statt Stress und Hektik bestimmen Langeweile und Unterforderung Michael´s Arbeitsalltag. „Die Arbeitswoche sitze ich mehr oder weniger irgendwie ab. Die Zeit scheint nur im Schneckentempo voranzugehen“, so Michael. 

„Boreout“ – Was ist das?

Die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter R. Werder haben diesem Zustand der Unzufriedenheit aufgrund von Langeweile am Arbeitsplatz einen Namen gegeben: „Boreout“. Mit ihrem 2007 erschienenen Buch „Diagnose Boreout – Warum Unterforderung im Job krank macht“ haben sie diesen Begriff geprägt. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse wurde dieses Buch sogar für zwei deutsche Wirtschaftsbuchpreise nominiert. In der Zwischenzeit sind weitere Bücher zu diesem Thema erhältlich und auch in den Medien wird dieser Zustand immer mehr diskutiert.

Der typische Boreout-Zustand beginnt, wenn Angestellte ihre Arbeitszeit nur noch absitzen. Aus Angst, den Job zu verlieren wird große Beschäftigung sowie auch Stress vorgetäuscht. Damit diese Situation nicht auffällt und die Arbeitszeit irgendwie herumgebracht wird, tun Betroffene oft so, als ob sie viel zu tun hätten. Befriedigend ist dies jedoch keineswegs. Im Gegenteil: Resignation, Unzufriedenheit, Depression, Lust- und Energielosigkeit bestimmen die Gefühle. Ein Zustand, der im schlimmsten Fall sogar krank macht. Typisch dafür sind beispielsweise psychosomatische Magenschmerzen, Verspannungen, Energie- und Lustlosigkeit bis hin zu depressiven Verstimmungen.

Boreout - Langeweile in der Arbeit

Wie entsteht dieser Zustand?

Es kann verschiedene Gründe dafür geben: Ursachen können beispielsweise falsche oder zu wenige Aufgaben sein. Was bei einem zuerst hoch motiviertem Mitarbeiter bis zur inneren Kündigung und „Dienst nach Vorschrift“ führen kann. Auch zuviel Routinetätigkeiten, fehlende Informationen oder widersprüchliche Anweisungen von Führungskräften führen mehr und mehr zu Unzufriedenheit und Lustlosigkeit.

Wer ist gefährdet?

Laut Peter Werder trifft es häufig Berufsanfänger, kurz nach der Ausbildung, die sich zum einen vom Arbeitspensum, aber auch geistig unterfordert fühlen. Menschen, die im Büro an einem Schreibtisch arbeiten, seinen häufiger betroffen, als beispielsweise Handwerker.

Ebenso gefährdet kann sein, wer nur mit Widerwillen und Überdruss seine Arbeit erledigt und dem es viel Überwindung kostet, eine Aufgabe anzugehen – ja, wer sich selbst schon dazu zwingen muss. Aber auch wer sich nicht mit seinen Aufgaben, den Produkten bzw. Dienstleistungen oder dem Unternehmen identifizieren kann, gerät leichter in die Boreout-Falle. Nicht zu unterschätzen sind auch die Tätigkeiten, die gesellschaftlich oder in der Firmenhierarchie ein eher geringes Ansehnen genießen und daher ein hohes Potential für Frustration und Langeweile bieten.

Wie verhalten sich Boreout- Betroffene?

Michael erzählt dazu: „Pro Tag habe ich drei bis vier Stunden Arbeit, den Rest sitze ich mehr oder weniger gelangweilt ab. Telefonate oder Projekte ziehe ich absichtlich in die Länge, nur um irgendwie beschäftigt zu sein. Zwischenzeitlich habe ich auch schon das ganze Büro auf Vordermann gebracht. Habe Unterlagen sortiert, die endlosen Stapel an Ablage abgelegt, Ordner ausgemistet und neu angelegt.

Privat habe ich ebenfalls in der Zwischenzeit so gut wie alles erledigt, was hier liegengeblieben ist: Briefe, E-mails und andere Korrespondenz beantwortet, im Internet zu verschiedenen Themen recherchiert, mich mit dem nächsten Urlaub befasst oder ähnliches. Aber inzwischen gehen mir auch hier meine Möglichkeiten zu neige. Und eigentlich möchte ich dies alles auch gar nicht tun. Aber immer noch besser als untätig herumzusitzen und Daumen zu drehen. Was sollen denn die Mitarbeiter und Kollegen sonst von mir denken?“

So wie Michael geht es den Meisten: Man scheut sich, sein Problem offen darzulegen. Statt dessen werden Strategien entwickelt, die einen sehr beschäftigt wirken  lassen – ohne dies tatsächlich zu sein.

Typische Beispiele dafür sind:

  • Die Erledigung eines Projekts oder einer Aufgabe wird ausgedehnt. Es wird tatsächlich mehr Zeit dafür benötigt, als notwendig wäre.
  • Oder eine Aufgabe wird sehr schnell sowie weit vor einem bestimmten Abgabetermin abgegeben. In der Zwischenzeit wird die „freie Zeit“ anderweitig z.B. für private Dinge, Surfen im Internet usw. genutzt.
  • Man arbeitet scheinbar fleißig am Computer. Tatsächlich werden Spiele gespielt, private Urlaubsangebote oder ähnliches eingeholt. Kommen Kollegen in die Nähe, die Sicht auf den Bildschirm haben, wird schnell auf ein geschäftliches Dokument gewechselt.

 

Was können Arbeitnehmer und Arbeitgeber dagegen tun?

Arbeitnehmer                                      Arbeitgeber
Naheliegend ist es zuerst zu versuchen, den Vorgesetzen um mehr sowie um qualifiziertere Arbeit zu bitten. Das Problem ist, dass viele Betroffene dies bereits mehrfach vergeblich angesprochen haben. Ihrer Bitte wird jedoch oft keine Folge geleistet. Hier wäre die Überlegung, ob es nicht doch sinnvoll wäre, sich über einen neue Arbeitsstelle Gedanken zu machen?

 

Bitten und Hinweise der Arbeitnehmer nach mehr und/oder qualifizierterer Arbeit sollte wirklich ernst genommen werden. Für einen Arbeitnehmer stellt es eine große Überwindung dar, dies überhaut anzusprechen. Wenn es daher zur Sprache kommt, muss der Leidensdruck bereits entsprechend hoch sein.

 

Führungskräfte sollten dazu verpflichtet werden, dieser Aufforderung folge zu leisten und umzusetzen sowie Aufgaben auch an Mitarbeiter zu delegieren.

Schließlich ist es für das Unternehmen ein nicht unerheblicher, wirtschaftlicher Schaden, wenn Mitarbeiter unzureichend eingesetzt und ausgelastet sind.

 

Jobrotation bei monotonen Aufgaben durchführen.

 

Schon bei der Jobsuche sollte nicht nur auf eine gute Entlohnung geachtet werden. Ebenso ist mit zu berücksichtigen, ob die Tätigkeiten zu den eigenen Stärken und Potentialen passt und ob diese einem Freude bereiten. Wer schon im Vorfeld das Gefühl der Langeweile verspürt oder dass die Produkte / Aufgaben einen nicht interessieren, sollte dies ernst nehmen.

 

Die Arbeitnehmer mehr loben und Feedback über deren Leistungen geben.

 

 

 

 

Es kann hilfreich sein, sich bewusst zu machen, welches Arbeitspensum für einen persönlich ideal ist. Es gibt Menschen, die benötigen ein großes Aufgabengebiet und Zeitdruck, um sich damit wohl zu fühlen. Andere hingegen fühlen sich damit  gestresst und überfordert. Für diese wäre ein übersichtliches und engeres Arbeitsgebiet daher eher geeignet. Womit sich der erst genannte Typus jedoch schnell gelangweilt und unterfordert fühlen würde. Jeder Mensch ist unterschiedlich, daher ist es wichtig, zunächst herauszufinden, welcher Aufgaben-Typ man selbst ist.

 

Die Geschäftleitung sollte eine klare Zielausrichtung haben und die Unternehmensziele klar an alle Mitarbeiter kommunizieren. Das Gefühl „gemeinsam an einem Strang zu ziehen“ und einen  wertvollen Beitrag für den Erfolg des Arbeitgebers leisten zu können, wird gefördert. Das verstärkt die Motivation und vertreibt die Resignation.

 

 

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Weiterführende Literaturempfehlung:

„Diagnose Boreout: Warum Unterforderung im Job krank macht“

„Die Bore-out-Falle: Wie Unternehmen Langeweile und Leerlauf vermeiden“

Autoren:  Phillippe Rothlin und Peter R. Werder, Verlag: Redline Wirtschaftsverlag

„Bevor der Job krank macht: Wie uns die heutige Arbeitswelt in die seelische Erschöpfung treibt – und was man dagegen tun kann“

Autoren: Hans-Peter Unger und Carola Kleinschmidt, Verlag: Kösel-Verlag